Vorlesen
Vera Köller, angehende Allgemeinchirurgin

„Im OP fokussiert, im Patientenkontakt empathisch“

14.03.2025 Seite 51
RAE Ausgabe 4/2025

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 4/2025

Seite 51

© privat
Job, Beruf, Berufung? – An dieser Stelle berichten junge Ärztinnen und Ärzte über ihren Weg in den Beruf, darüber, was sie antreibt und warum sie – trotz mancher Widrigkeiten – gerne Ärztinnen und Ärzte sind. 

RÄ: Warum wollen Sie Chirurgin werden, Frau Köller? 
Köller: In die Chirurgie und überhaupt zum Arztberuf bin ich über Umwege gekommen: Nach dem Abitur, habe ich zunächst ein duales Studium beim Finanzamt begonnen, welches ich jedoch nach zwei Jahren abbrechen musste. Danach habe ich die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen. Die Arbeit gefiel mir sehr gut und ich habe dann die Weiterbildung zur Anästhesie und Intensivpflegerin gemacht und zehn Jahre lang in diesem Beruf gearbeitet. Allerdings stellten mich die Arbeitsbedingungen in der Pflege aufgrund der sehr hohen Arbeitsbelastung sowie mangelnder Wertschätzung nicht zufrieden. Ich beschloss also, mich beruflich neu zu orientieren und studierte Medizin. Im Praktischen Jahr stellte ich dann fest, wie sehr mir die praktische und abwechslungsreiche Arbeit in der Chirurgie gefiel. Als Chirurgin kann ich ein medizinisches Problem meist direkt mit einer Operation lösen und sehe sofort Ergebnisse.

RÄ: Wie erleben Sie die Arbeit auf der chirurgischen Station? 
Köller: Manchmal bin ich den ganzen Tag im OP im Einsatz. Doch es gibt auch Tage, an denen ich für die Stationsarbeit oder in der Ambulanz eingesetzt bin. Das empfinde ich als sehr abwechslungsreich. Meine längste Operation bisher dauerte fünf Stunden. Solche Eingriffe erfordern nicht nur höchste Konzentration, sondern sind auch körperlich anstrengend. Nicht wenige Kollegen klagen danach über Schmerzen in den Beinen oder im Nacken. Als Ausgleich zum langen Stehen treibe ich daher in meiner Freizeit viel Sport, ich jogge, gehe ins Fitnessstudio und bin mit meinem Hund viel an der frischen Luft. Zu Beginn meiner Weiterbildung hatte ich die Sorge, als relativ unerfahrene Ärztin „ins kalte Wasser“ geschmissen zu werden, doch ich habe hier von meinem Team vom ersten Tag an gute Unterstützung erfahren. 

RÄ: Was macht für Sie die Arbeit mit den Patienten aus?
Köller: Eine gute Chirurgin sollte meiner Meinung nach im OP besonnen und problemorientiert und im Kontakt mit den Patientinnen und Patienten menschlich und empathisch sein. Vor einer Operation kläre ich den Patienten umfassend über den Zweck und das Ziel des Eingriffes auf und versuche, ihm auf diese Art Sorgen zu nehmen. Wenn der Patient genau weiß, was ihn erwartet, kann er sich mental besser auf den Eingriff vorbereiten und sich mit einem positiven Gefühl in die Operation begeben. Außerdem ist es für mich wichtig, dass der Patient nicht nur während des Eingriffs, sondern auch in der Nachsorge das Gefühl hat, gut betreut zu werden. 

RÄ: Welche Fälle behandeln Sie?
Köller: In unserer Klinik behandeln wir ein breites Spektrum chirurgischer Probleme. Wir haben eine große Fallzahl bariatrischer Operationen. Fast täglich führen wir Magenbypass- und Schlauchmagen-Operationen durch. Trotz verfügbarer medikamentöser Therapieoptionen bleibt die Nachfrage nach diesen Eingriffen hoch. Seit Kurzem setzen wir für diese Operationen auch ein Robotersystem ein, dessen Nutzung jedoch derzeit noch den Oberärzten vorbehalten ist. Außerdem haben wir auch viele proktologische Eingriffe und führen Hernienreparationen sowohl offen als auch laparoskopisch durch. Daneben übernehmen wir onkologische Darmresektionen, beispielsweise bei Kolonkarzinomen. Zudem prägen viele kleinere Eingriffe wie Abszesspaltungen, Drainage- oder Portanlagen den Arbeitsalltag. Nicht selten führen wir auch fachübergreifende Operationen durch, bei denen wir mit den Kollegen aus der Urologie oder Gynäkologie gemeinsam am OP-Tisch stehen. Es ist  immer sehr spannend die Herangehensweisen anderer Abteilungen kennenzulernen. 

RÄ: Nur rund 20 Prozent der Chirurgen in Deutschland sind weiblich. Erleben Sie „Ihr“ Fach als männliche Domäne? 
Köller: Nein, tatsächlich nicht. Hier in Eschweiler arbeite ich in einem großen, engagierten Team mit vielen Frauen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass bei vielen Kolleginnen immer noch die Vorstellung vorherrscht, Chirurgie sei nur schwer mit Teilzeit oder einem ausgewogenen Familienleben zu vereinbaren. Persönlich nehme ich jedoch keine außergewöhnlich hohe Arbeitsbelastung wahr. 

RÄ: Gibt es etwas, dass Ihnen nicht so gut gefällt? 
Köller: Ich finde es schade, dass wir die Patienten nach der Operation in der Regel aus den Augen verlieren, denn meist wird die Nachsorge von den Hausärzten übernommen. Mich würde der weitere Genesungsprozess meiner Patienten tatsächlich sehr interessieren. 

 

Das Interview führte Marc Strohm