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Gesundheits- und Sozialpolitik

Austausch und Ideen zur ambulanten Versorgung vor Ort

14.03.2025 Seite 21
RAE Ausgabe 4/2025

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 4/2025

Seite 21

Anfang Februar veranstaltete die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) ihren ersten Sicherstellungsgipfel (SiGi2025). Rund 150 Gäste aus Kommunen, Gesundheitsämtern und Selbstverwaltung kamen im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft zusammen, um sich auszutauschen und Herausforderungen der ambulanten Versorgung zu besprechen. Eine interaktive Ausstellung präsentierte innovative Projekte und lud zum Netzwerken ein. 
 
von Simona Meier 

Das örtliche Krankenhaus schließt seine Tore, der Hausarzt geht in Rente, den medizinischen Nachwuchs zieht es in die Stadt – zeigen sich erst Lücken in der Versorgung, wird die Lage schnell brisant. Beim ersten Sicherstellungsgipfel der KV Nordrhein in Düsseldorf tauschten sich Fachleute und Experten über die möglichen Folgen aus. Im Mittelpunkt standen Ideen und Aktivitäten, um das Vertrauen in das Funktionieren des Gesundheitssystems zu stärken. Präsentiert wurden innovative Konzepte wie beispielsweise die Videosprechstunde oder die praxis4future. „Wenn wir über die ambulante Versorgung sprechen, dann sprechen wir nicht nur über Zahlen, Konzepte und organisatorische Herausforderungen, sondern auch über das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Versorgung vor Ort“, sagte KVNO-Geschäftsführerin Nina Hammes zum Auftakt der Veranstaltung. In einer interaktiven Ausstellung konnten sich die Besucher über neue Formen und Konzepte informieren. 

Für eine bessere Steuerung der Patientenströme

Die Sicherstellung ist eine der größten Herausforderungen für die KV Nordrhein. Ziel ist die sinnvolle Nutzung vorhandener Kapazitäten. Schon heute treffe eine hohe Nachfrage nach medizinischen Leistungen auf Ärztemangel, erklärten die Teilnehmer im Rahmen der Podiumsdiskussion. „Künftig müssen Patientenströme besser gesteuert werden, da es in den nächsten zehn bis 15 Jahren voraussichtlich nicht mehr Ärzte geben wird“, erklärte der KVNO-Vorstandsvorsitzende, Dr. Frank Bergmann. 

Beispiele dafür gab es aus dem Norden der Stadt Essen, wo Krankenhäuser schließen mussten, und aus dem Oberbergischen Kreis, wo ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) insolvent ging. „Wenn zwei Krankenhäuser schließen, ist die Sorge doch groß und die Versorgungssicherheit, die die Menschen haben wollen, ist sofort in Frage gestellt“, sagte der Essener Stadtdirektor Peter Renzel. „Wenn ein Baustein wegbricht, dann haben wir schon Riesenprobleme“, erklärte Jochen Hagt, Landrat des Oberbergischen Kreises. Beide diskutierten auf dem Podium mit den Vorständen der KV Nordrhein, Dr. Frank Bergmann und Dr. Carsten König, die Herausforderungen der medizinischen Versorgung in Städten und im ländlichen Raum. 

Kapazitäten schrumpfen, und die Nachfrage steigt 

Eine hohe Nachfrage nach medizinischen Leistungen, die auch mit der Demografie zusammenhängt, trifft auf einen Mangel an Ärztinnen und Ärzten. Dass nicht jeder Sitz nachbesetzt werden kann – darin sind sich die Experten einig. Jeder zweite berufstätige Arzt ist heute 50 Jahre oder älter; in der hausärztlichen Versorgung haben rund 37 Prozent die 60 Jahre überschritten. Gleichzeitig steigt der Anteil an jungen Ärztinnen und Ärzten nicht im selben Maß, um diese Entwicklung aufzufangen. Dass der Anteil der angestellten Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Versorgung seit 2018 um 51 Prozent angewachsen ist, ändert an dieser Situation nichts. Denn: Anders als Selbstständige in eigener Praxis haben Ärzte in Anstellung klar definierte Arbeitszeiten und müssen sich auch nicht um administrative Aufgaben kümmern. In Summe schrumpfen somit die Kapazitäten, während die Nachfrage nach medizinischen Leistungen steigt. Im Rahmen der Sicherstellungskonferenz wurden Nachfolgeregelungen für Hausarztpraxen, die Idee von StarterPraxen und auch digitale Konzepte wie Videosprechstunden und Vernetzungen diskutiert.

Impulsvorträge und Austausch an Informationsständen

In Nordrhein sind Kenntnisse über die Region und über daraus resultierende unterschiedliche Bedürfnisse unverzichtbar. „Die Sicherstellung ist für uns eine der größten Herausforderungen, und sie steht für uns ganz oben auf der Agenda“, sagte Nina Hammes. Die Gäste der Sicherstellungskonferenz begrüßten den Austausch und die Möglichkeit zur Vernetzung. „Eine Vielzahl von Maßnahmen ist wichtig, vor allem aber müssen wir den jungen Kolleginnen und Kollegen vermitteln, dass die niedergelassene Tätigkeit ein extrem erfüllender Beruf ist“, sagte KVNO-Vize Dr. Carsten König.
 
Für den großen Informationsbedarf aufseiten der Kommunen lieferte die Sicherstellungskonferenz zahlreiche Angebote. Neben Impulsvorträgen zu den Themen „Akutes Sicherstellungsmanagement“, „Professionalisierung im Notdienst“, „Strategische Versorgungsstrukturen“ und „Einsatz der Digitalisierung durch die Telemedizin in der Versorgung“ stand auch die „Videosprechstunde im Kinderärztlichen Notdienst“ auf dem Programm. „Alle, die in der KV Nordrhein mit Sicherstellung befasst sind, hatten die Möglichkeit, ihre Bereiche darzustellen, das zu zeigen, was den Kommunen Mehrwert bietet und damit die Fragen zu adressieren. Für alle Themen waren Spezialisten vor Ort, um miteinander ins Gespräch zu kommen, aber auch Kritik anzunehmen“, erklärte Projektleiterin Hildegard Arntz aus dem Bereich Gesundheitspolitik und Strategische Sicherstellung das Konzept der neuen Konferenz.

Patientensteuerung im Notdienst

Neben dem Blick in die praxis4future wurden neue digitale Konzepte vorgestellt. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Patientensteuerung im Notdienst stellt die Patientenhotline 116 117 dar: 2023 wurden hier über 1,3 Millionen Anrufe mit einer Erreichbarkeitsquote von 93 Prozent registriert. Um der Komplexität und dem Wandel des ambulanten Sektors gerecht zu werden, soll der Sicherstellungsgipfel keine einmalige Veranstaltung bleiben. „Wir sehen, dass unsere Wahrnehmung richtig ist, der Bedarf da ist und wir mit SiGi2025 ein Format ins Leben gerufen haben, das begeistert“, stellte Jonas Bördner, KVNO-Bereichsleiter für Gesundheitspolitik und Strategische Sicherstellung, fest. 

Simona Meier ist Redakteurin im Auftrag der KV Nordrhein.