Über dreieinhalb Jahre ist es her, dass die Taliban mit dem Einmarsch in Kabul am 15. August 2021 erneut die Macht in Afghanistan übernommen haben. 20 Jahre lang hatten Mädchen und Frauen dort für ihre Rechte gekämpft und allmählich die Frauenrechtslage im Land verbessert. Seit der Machtübernahme schränken die Taliban nun erneut ihre Rechte immer weiter ein. Dr. Monika Hauser, Fachärztin für Gynäkologie und Vorsitzende der Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale, über die Situation der Mädchen und Frauen in Afghanistan.
RÄ: Mädchen und Frauen werden vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und ihre Rechte systematisch eingeschränkt. Das waren Ihre Beobachtungen vor drei Jahren. Wie würden Sie die Lage der Afghaninnen heute beschreiben?
Hauser: Wir beobachten, wie sich die Situation für die Mädchen und Frauen in Afghanistan immer weiter verschlechtert. Seit der Rückkehr der Taliban im August 2021 werden sie sukzessive aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens verdrängt und ihre Rechte immer weiter eingeschränkt.
Mädchen dürfen zum Beispiel keine weiterführenden Schulen mehr besuchen und Studentinnen mussten die Universitäten verlassen. Es ist für Frauen kaum noch möglich, einen Beruf zu ergreifen, vielen berufstätigen Frauen wurde gekündigt. Die Taliban schließen Frauen von allen politischen Ämtern aus und haben auch das Frauenministerium, das sich für die Gleichstellung einsetzte, abgeschafft. Somit ist Frauen jede politische Mitbestimmung unmöglich geworden. Frauen dürfen sich in der Öffentlichkeit nicht mehr selbstständig bewegen. Orte, Einrichtungen und Parks, an denen sich Frauen treffen und austauschen konnten, sind geschlossen.
Umso beeindruckender ist es, dass sich mutige Frauenrechtsaktivistinnen und -aktivisten weiter für die Mädchen und Frauen in Afghanistan einsetzen. Die Frauenrechtsorganisationen im Land können nur noch verdeckt und unter großer Gefahr arbeiten. Jeder Einsatz für Frauenrechte ist lebensgefährlich. Willkürliche Verhaftungen, Inhaftierung sowie Folter und sexualisierte Gewalt nehmen zu. Aktivistinnen und Aktivisten werden von den Taliban bedroht, verschleppt und umgebracht.
RÄ: Was bedeutet das sogenannte Tugendgesetz für die Mädchen und Frauen in Afghanistan?
Hauser: Mit dem Tugendgesetz erreicht die Unterdrückung von Mädchen und Frauen einen neuen Höhepunkt. Es wurde von den Taliban erlassen, um ihre körperliche Selbstbestimmung und Autonomie noch weiter einzuschränken. Das neue Gesetz geht weit über frühere Dekrete hinaus, und die Bestimmungen erstrecken sich auf alle Lebensbereiche. Sie betreffen nicht nur den Zugang zu Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung, sondern dringen bis in den privaten Raum, das Zuhause der Frauen, ein. Die Taliban isolieren die Afghaninnen und schneiden sie von allen wichtigen Ressourcen ab. Sie dürfen ihre Wohnung nur noch komplett verschleiert und in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen. Sie werden Gefangene in ihrem eigenen Zuhause. Und selbst dort sind sie nicht mehr frei: Mädchen und Frauen ist es auch zuhause verboten, laut zu singen oder zu beten – nicht nur in der Öffentlichkeit.
RÄ: Wie ist die gesundheitliche Versorgung der Mädchen und Frauen in Afghanistan?
Hauser: Die immer weitergehenden Einschränkungen haben auch ganz massiven Einfluss auf die gesundheitliche Versorgung der Mädchen und Frauen, die ohnehin schon sehr schlecht ist. Laut den Vereinten Nationen starb bereits im Jahr 2023 alle zwei Stunden eine Frau während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Dieser Zustand hat sich bereits und wird sich voraussichtlich weiter verschlechtern. Seit Dezember 2024 dürfen Frauen keine Ausbildungen mehr im medizinischen Bereich machen, zum Beispiel als Hebamme oder Pflegerin. Das bedeutet, es fehlen immer mehr Pflegerinnen, Hebammen und auch Ärztinnen. Vielen Frauen ist der Zugang zu medizinischer Versorgung schon heute versperrt. In einigen afghanischen Provinzen dürfen sich Frauen nicht von männlichen Fachkräften behandeln lassen, an anderen Orten ist es schlicht nicht üblich. Eine Erkrankung bedeutet hier für die Frauen viel Leid oder sogar den Tod, weil sie nicht behandelt werden dürfen.
RÄ: Gibt es Ihrer Meinung nach neben dem Islamverständnis der Taliban noch andere Gründe, Mädchen und Frauen systematisch aus dem öffentlichen Leben auszuschließen?
Hauser: Die Ursache liegt nicht in der islamischen Religion oder Kultur, sondern in tief verwurzelten patriarchalen Strukturen, die Gruppierungen wie die Taliban exzessiv ausleben und die Religion dafür instrumentalisieren. Ihre militärischen und religiösen Strukturen basieren auf einer reinen Männerwelt. Dafür müssen sie sich vor weiblicher Präsenz schützen. Sie leben so ihre Frauenfeindlichkeit, ja ihren Hass auf Frauen aus, der auch auf ihrer großen Angst vor Frauen basiert.
Gleichzeitig ist Frauenhass und der Angriff auf Frauenrechte kein Problem, das es nur in Afghanistan gibt. Denn wir alle leben in patriarchalen Gesellschaften. Den Angriff auf Frauenrechte und die Einschränkung von Frauenrechten beobachten wir nicht nur in Afghanistan, sondern weltweit – auch in Deutschland.
RÄ: Mit welchen psychischen Problemen haben die Afghaninnen zu kämpfen?
Hauser: Sie müssen sich vorstellen, den Afghaninnen wurden alle Freiheiten und Rechte genommen. Sie haben kein Recht mehr auf Bildung, darauf einen Beruf auszuüben oder einem Hobby nachzugehen. Man hat sie sogar des Rechts beraubt, sich in den eigenen vier Wänden frei zu bewegen, zu singen und zu lachen. Sie sind eingesperrt in ihrem eigenen Zuhause und in einem Land, das ihnen ihr Leben und ihre Identität genommen hat. Doch fliehen können sie auch nicht. Und jeder Versuch, sich gegen das System aufzulehnen, wird bestraft – sogar mit dem Tod.
Gewalt gegen Frauen nimmt immer mehr zu. Das landesweite Unterstützungssystem für Mädchen und Frauen ist fast vollständig zusammengebrochen. Überlebende von Gewalt und sexualisierter Gewalt haben kaum eine Möglichkeit, Hilfe zu suchen. Es gibt kaum Perspektiven und wenig Hoffnung. Viele Afghaninnen entwickeln daher Depressionen und Angsterkrankungen, die Zahl der Suizide steigt. Dennoch geben viele Frauen nicht auf. Sie versuchen, sich gegenseitig zu stärken und Mittel und Wege zu finden, sich gegen alle Restriktionen weiterzubilden und sich gegenseitig zu unterstützen.
RÄ: Als die Taliban wieder an die Macht kamen, konnte sich ein Teil der Frauenrechtsaktivistinnen im Ausland in Sicherheit bringen, viele mussten bleiben und um ihr Leben und das ihrer Familien fürchten. Wie ist die Lage der Aktivistinnen im Exil heute?
Hauser: Uns gelang es, alle 90 Kolleginnen und Kollegen von Medica Afghanistan und deren engste Angehörige bei der Evakuierung nach Deutschland zu unterstützen. Die meisten von ihnen sind nach ihrer Flucht in ihrem neuen Leben hier angekommen. Sie leben mit ihren Familien in ihren eigenen Wohnungen, sie arbeiten und engagieren sich wieder für Frauenrechte. Der Weg dahin war für sie aber alles andere als leicht. Es gab viele, vor allem bürokratische Hürden, zum Beispiel damit die Frauen wieder in ihrem Beruf arbeiten dürfen. Einige haben an der Universität in Frankfurt ein Aufbaustudium für Soziale Arbeit gemacht, um sich auch beruflich hierzulande wieder für Frauen einsetzen zu können. Andere engagieren sich ehrenamtlich bei medica mondiale, um wie schon vor ihrer Evakuierung Frauen in Afghanistan psychosozial zu unterstützen. Sie betreuen die Frauen nun online oder telefonisch statt im direkten Gespräch.
Einige unserer ehemaligen afghanischen Kolleginnen haben außerdem den Verein „Hami Womenempowerment“ gegründet. Hami bedeutet Unterstützerin oder Unterstützer auf Dari. Gemeinsam mit ihnen und weiteren ehemaligen Mitarbeiterinnen von medica Afghanistan hat medica mondiale eine Ausstellung im Rautenstrauch Joest-Museum in Köln organisiert. Dort erzählen 20 Afghaninnen ihre Geschichten. Sie berichten von 20 Jahren harter Arbeit gegen frauenfeindliche Strukturen in Afghanistan, über die schwierige Flucht und das Ankommen in Deutschland bis zu ihrem Leben heute. Es sind Geschichten von Widerstand und Solidarität, von Abschieden und Ankommen – und dem unbeirrten Einsatz für eine gerechte Welt.
RÄ: Wie können Frauenrechtsorganisationen wie medica mondiale die Frauen im Land noch unterstützen? Vor welchen Problemen stehen Sie dabei?
Hauser: Frauenrechtsarbeit in Afghanistan ist schwierig – aber nicht unmöglich. Seit Ende 2022 ist es Frauen verboten, in lokalen oder internationalen Organisationen zu arbeiten. Dieses Verbot betrifft zehntausende afghanische Frauen, die zuvor zum Beispiel als Dozentinnen, Juristinnen und Familienmediatorinnen oder als Beraterinnen beschäftigt waren. Frauenrechtsarbeit wird damit weiter erschwert.
Doch für uns war immer klar: Wir setzen unsere Arbeit in Afghanistan fort. Allein diese Zusicherung ist für unsere Partnerorganisationen enorm wichtig. Denn viele Aktivistinnen und Aktivisten fühlen sich von der internationalen Gemeinschaft vergessen und die Sorge, dass internationale Geberorganisationen sich völlig aus Afghanistan zurückziehen, ist groß. Doch auch gegen alle Einschränkungen suchen unsere Partnerorganisationen nach kreativen Wegen, wie sie Mädchen und Frauen weiterhin unterstützen können. Sie überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, das aktuelle Arbeitsverbot zu interpretieren. Ob und wie sie zum Beispiel von zuhause arbeiten können, welche Wege und Netzwerke ihnen weiterhin offenstehen und in welchen Bereichen sie noch aktiv sein können. Ganz wichtig ist nach wie vor die psychosoziale Beratung für Frauen, die Gewalt erlebt haben. Das meiste passiert online oder telefonisch, die Bewerbung zum Beispiel über soziale Netze und Mundpropaganda. Daneben bieten Partnerorganisationen finanzielle und humanitäre Unterstützung an oder klären in Provinzen auf über die Gefahren von Frühverheiratung, über Gewalt gegen Frauen und den Wert von Mädchenbildung. Dazu arbeiten sie zum Beispiel mit religiösen Autoritäten zusammen. Eine andere Partnerorganisation bietet Nothilfe für bedrohte Frauenrechtsverteidigerinnen.
RÄ: Die massive Verletzung der Menschenrechte, vor allem der Frauenrechte im Land bleibt nicht ungesehen. Doch wie bewerten Sie das Engagement der internationalen Staatengemeinschaft und der Bundesregierung, den Afghaninnen zu helfen?
Hauser: Die internationale Gemeinschaft und die deutsche Bundesregierung müssen endlich Verantwortung übernehmen. Nach 20 Jahren Einsatz vor Ort hat die internationale Staatengemeinschaft das Land von heute auf morgen verlassen – und damit all die Menschen schutzlos zurückgelassen, die für internationale Organisationen gearbeitet und sich für Menschen- und Frauenrechte engagiert haben. Insbesondere Frauenrechtsaktivistinnen haben sich durch ihre Arbeit enorm exponiert und hätten besonderen Schutzes bedurft.
Sie haben Männer hinter Gitter gebracht oder Frauen bei Gerichtsverhandlungen unterstützt. Ihre Telefonnummern hingen als Anlaufstelle für gewaltbetroffene Frauen in Polizeistationen und Krankenhäusern. Das heißt: Täter und Taliban kannten sie. Sie waren schon vor der Machtübernahme eine Bedrohung. Jetzt ist die Bedrohung umso realer. Und auch wenn viele Aktivistinnen das Land verlassen konnten und heute in Sicherheit sind, es blieben immer Angehörige, Freundinnen und Freunde, Nachbarinnen und Nachbarn zurück. Für diese Menschen trägt die internationale Gemeinschaft Verantwortung. Und statt mehr Mittel zur Verfügung zu stellen, um Frauenrechtsarbeit finanziell und politisch zu unterstützen, blicken wir mit großer Sorge auf die Haushaltskürzungen der aktuellen Bundesregierung, die internationalen politischen Entwicklungen und die enormen Kürzungen der Entwicklungshilfe durch die neu gewählte US-amerikanische Regierung.
Spendenkonto medica mondiale:
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RÄ: Die Situation der Afghaninnen erscheint hoffnungslos. Woher nehmen die Frauen die Kraft und den Mut, weiterzukämpfen?
Hauser: In unserer Ausstellung „Weil wir Frauen sind“ erzählen die Aktivistinnen, dass es Zeiten gab, in denen sie nicht mehr konnten. Sie waren wie im Schock. Enttäuschung und Verzweiflung überwogen. Aber dann erinnerten sie sich an die schönen und wichtigen Erfahrungen in Afghanistan, an ihre ehemaligen Klientinnen und an alle anderen Frauen im Land. Das und der Austausch untereinander habe ihnen Kraft und Energie gegeben, um weiterzumachen, erzählen sie.
Eine der Frauen sagt, dass Afghaninnen gelernt haben, immer wieder aufzustehen. Eine andere spricht von der Hoffnung, dass sie eines Tages nach Afghanistan zurückkehren können, ein gutes Leben führen und ihr Land wiederaufbauen können. Groß sei die Hoffnung nicht, an die sie sich klammere. Aber ohne Hoffnung könne man nicht leben.
Und was sie alle eint: sie möchten sich für Frauen und Frauenrechte einsetzen und zwar solange sie können. Egal wo, in Afghanistan oder in Deutschland. Sie empfinden es als ihre Verantwortung angesichts der Situation in Afghanistan und in anderen Ländern. Dafür sind sie stark. Gleichzeitig gibt ihnen die Arbeit für die Afghaninnen Kraft. Eine Kollegin, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, sagt, die Solidarität, die sie den Frauen entgegenbrachte, sei der einzige Ausweg gewesen vor der Hölle, in die sie bei ihrer Arbeit hinabblickte. Bahara Ajmal erzählt in der Ausstellung, dass sie ihre Mutter zurücklassen musste. Sie könne ihrer Mutter zwar gerade nicht helfen, dafür aber anderen. Sie kämpft weiter, damit eines Tages alle Frauen die Möglichkeit haben, sich frei zu fühlen und selbst über ihre Leben zu entscheiden.
RÄ: Was, glauben Sie, können die Mädchen und Frauen in Afghanistan in den kommenden Jahren erreichen?
Hauser: Es gibt immer Hoffnung. Die Frauenrechtsarbeit in Afghanistan in den vergangenen 20 Jahren und auch schon davor und jetzt ist nicht umsonst. Eines hat sich für uns durch die Taliban nicht verändert: Aufgeben ist keine Option. Wir machen weiter. Genauso wenig geben die Frauen in Afghanistan oder die Frauen im Exil auf. Sie finden stattdessen immer neue Wege, Mädchen und Frauen zu unterstützen. Unsere Partnerinnen und Partner vor Ort leisten herausragende und mutige Arbeit. Wir bei medica mondiale unterstützen sie dabei. Und dabei können auch die Leserinnen und Leser sie unterstützen: Setzten sie sich mit Frauenrechten auseinander. Vergessen Sie die Frauen und Mädchen in Afghanistan nicht. Gehen Sie in die Ausstellung „Weil wir Frauen sind“ im Rautenstrauch Joest Museum oder erleben Sie sie online. Hören Sie den Geschichten der Frauen zu und tragen Sie ihre Stimmen weiter. Und Sie können auch medica mondiale unterstützen und die Arbeit der Partnerinnen und Partner vor Ort. Jede und jeder kann etwas tun. Und jeder Beitrag zählt.
Das Interview führte Jocelyne Naujoks.